KI beschleunigt Wissensarbeit. Was passiert mit Honorarsätzen, wenn für dieselbe Leistung weniger Arbeitszeit nötig ist? Anwalt und KI-Experte Chan-jo Jun erklärt, wo er Preisdruck erwartet.
Herr Jun, was macht KI mit Preisen für anwaltliche Leistungen?
Die Stundensätze sinken nicht. Aber in bestimmten Bereichen bekommt man mehr Leistung für sein Geld. Ein Anwalt, der drei Stunden ohne KI arbeitet, produziert vermutlich weniger als ein Anwalt, der in derselben Zeit KI sinnvoll einsetzt. Insgesamt gibt es also eine Effizienzsteigerung. Letztlich bedeutet das: Mehr Leistung für das gleiche Geld. Und das ist im Grunde bereits eine Preissenkung.
Chan-Jo Jun
Chan-jo Jun ist Gründer der Kanzlei Jun Legal GmbH, die sich auf IT-Recht, gewerblichen Rechtsschutz und Datenschutz, KI-Compliance sowie Social Media spezialisiert hat. Zudem ist er unter anderem Mitglied des Ausschusses IT-Recht der Bundesrechtsanwaltskammer.
Was geht denn schneller und wird dadurch günstiger?
Vor allem Aufgaben, bei denen bereits klar ist, was der Mandant erreichen möchte. Zu verstehen, welches Problem er hat, was ihm wichtig ist und welche Lösung für ihn sinnvoll ist, bleibt dagegen menschliche Beratungsarbeit. Aber wenn das Ziel feststeht, kann die juristische Umsetzung deutlich schneller werden. Einen Vertrag nach bestimmten Vorgaben zu erstellen oder einen bereits entwickelten Plan in Rechtssprache zu übersetzen, wird durch KI massiv billiger.
Was bedeutet das für die klassische Abrechnung nach Stunden?
Viele sprechen in diesem Zusammenhang vom Ende der „Billable Hour“. Gemeint ist das klassische Modell, bei dem eine Kanzlei die für ein Mandat aufgewendete Arbeitszeit erfasst und dem Mandanten nach Stundensatz berechnet. Wenn KI dafür sorgt, dass für dieselbe Aufgabe weniger Arbeitsstunden nötig sind, kann die Kanzlei entsprechend weniger Stunden in Rechnung stellen.
Manche hoffen, das durch höhere Stundensätze ausgleichen zu können. Ich halte das für naiv. Wenn ein Anwalt dank KI beispielsweise nur noch fünf statt zehn Stunden für dasselbe Ergebnis benötigt, wird der Mandant kaum bereit sein, für diese fünf Stunden einfach doppelt so viel zu bezahlen. Vielleicht kann der eine oder andere höhere Preise durchsetzen, aber grundsätzlich wird das schwierig.
Was könnte eine Alternative zum Stundenhonorar sein?
Es gibt einen gewissen Trend zurück zu Pauschalen. Nehmen wir eine Vertragsprüfung: Der Mandant ist daran gewöhnt, dass sie einen bestimmten Betrag kostet, weil früher entsprechend viele Stunden darin steckten. Jetzt kann ich versuchen, ihm das gleiche Produkt für eine Pauschale zu verkaufen. Ich trage das Risiko, falls es länger dauert, kann aber im Gegenzug die Effizienzgewinne einstreichen.
Können Kanzleien diese Effizienzgewinne dauerhaft behalten?
Das kann eine Zeit lang funktionieren. Irgendwann werden aber auch die Pauschalen vergleichbar. Dann stellen Mandanten möglicherweise fest, dass bestimmte Preise zu hoch sind. Solange es genügend Anwälte und Angebot auf dem Markt gibt, wird KI meiner Ansicht nach Druck auf die Preise erzeugen.
Gibt es Vergütungsmodelle, mit denen Firmen von KI profitieren?
Ja. Die Abrechnung nach Gegenstandswerten. Wenn ich beispielsweise für einen arbeitsgerichtlichen Kündigungsprozess einen festen, vom Gegenstandswert abhängigen Betrag erhalte und durch KI deutlich weniger Zeit benötige, kann ich den Effizienzgewinn selbst behalten.
Wird menschliche Beratung damit zum Premiumprodukt?
Das kann ich mir vorstellen. Vielleicht nimmt die Bereitschaft gar nicht ab, für menschliche Leistungen weiterhin Stundensätze von 300 oder 400 Euro zu bezahlen. Möglicherweise steigt sie sogar. Es wäre denkbar, dass Menschen die eigentliche rechtliche Problemlösung zunehmend von KI erledigen lassen, sich die strategischen Überlegungen aber weiterhin von Menschen holen.
Könnte KI die Preise für erfahrene Anwälte sogar steigen lassen?
Durchaus. Wenn Kanzleien weniger Nachwuchs ausbilden, weil KI Einstiegsjobs ersetzt, fehlen in einigen Jahren die Erfahrenen. Weniger Angebot bedeutet höhere Preise – der Markt regelt das, aber nicht schmerzlos.
Was bleibt dann der besondere Wert des Anwalts?
Gerade bei komplexen Konstellationen kann menschliche Erfahrung wichtig bleiben. Wenn es viele Beteiligte gibt und man eine Strategie entwickeln muss – in welcher Reihenfolge spiele ich welchen Zug oder welches Rechtsmittel aus? –, ist das nicht gut standardisiert. Dafür gibt es häufig kein Lehrbuch. Man braucht Erfahrung oder Intuition.
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