Wenn Sorgen nachts wachhalten, vertrauen viele lieber einer KI als dem Partner. Warum das entlastet, aber auch Risiken birgt, erklärt ein Psychologe.
Berlin – Es ist drei Uhr nachts, die Gedanken kreisen und an Schlaf ist nicht zu denken. Das Gedankenkarussell will einfach nicht stoppen. Statt das Gespräch im persönlichen Umfeld zu suchen, greifen immer mehr Menschen zum Smartphone: Sie öffnen ein Chatfenster und tippen ihre Sorgen ein.

Schätzungen des Berliner Mental-Health-Unternehmens Aumio Health zufolge vertrauen mittlerweile Millionen Menschen in Deutschland einer Künstlichen Intelligenz (KI) an, was sie nachts wachhält – von akutem Beziehungsstress bis hin zu Zukunftsängsten.
KI als Seelentröster: Gefahren und Gründe
Der Bedarf nach Entlastung ist enorm: Laut dem aktuellen TK-Stressreport 2025 fühlen sich zwei Drittel der Menschen in Deutschland häufig oder manchmal gestresst – ein historischer Höchststand, unter dem besonders Frauen und Familien leiden. Dass sich so viele ausgerechnet an eine Künstliche Intelligenz wenden, hat nachvollziehbare Gründe: Eine KI ist rund um die Uhr verfügbar, verlangt keinen Termin und keine Wartezeit. Vor allem aber entlastet das bloße Aussprechen der eigenen Gedanken – und das völlig schamfrei.
Das Smartphone ist für viele zu einem unmittelbaren Anlaufpunkt geworden, wenn der Kopf nicht zur Ruhe kommt. Doch genau in dieser ständigen Erreichbarkeit liegt ein Problem, auf das Experten hinweisen: Gängige Chatbots wurden ursprünglich überhaupt nicht für psychische Themen gebaut.
Die Bestätigungsfalle: Warum herkömmliche KI-Bots das Grübeln verstärken
Standard-Chatbots sind technisch darauf optimiert, Nutzende möglichst lange im Gespräch zu halten. Zudem neigen sie dazu, dem Gegenüber stetig zuzustimmen, statt konstruktiv weiterzuhelfen. Was sich im ersten Moment wie Verständnis anfühlt, hilft bei psychischem Stress jedoch selten weiter. Wer ohnehin grübelt, dreht sich durch die ständige Bestätigung der KI oft nur noch weiter im Kreis – der Chatbot hält den Nutzer im Gedankenkarussell gefangen.
Was bei Stress wirklich hilft: Neue Perspektiven statt Dauer-Bestätigung
„Bei mentaler Gesundheit ist mehr und länger nicht automatisch besser“, betont Jean Ochel, klinischer Psychologe, der an der Freien Universität Berlin zu digitaler mentaler Gesundheit forschte und Mitgründer von Aumio Health ist. „Statt endloser Bestätigung braucht es eine neue Perspektive und einen konkreten nächsten Schritt.“

Für echte psychologische Entlastung reicht reines Dauer-Plaudern mit einem Bot daher nicht aus. Wissenschaftlich fundierte Ansätze setzen stattdessen auf anerkannte Methoden – wie die kognitive Verhaltenstherapie, achtsamkeitsbasierte Verfahren oder die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT). Sie helfen dabei, belastende Denkmuster gezielt zu erkennen, zu hinterfragen und den Blick wieder auf Handlungsspielräume und eigene Stärken zu lenken.
Digitale Angebote und Hilfe bei Krisen
Wer im Alltag Unterstützung beim Stressabbau sucht: Für ZPP-zertifizierte Präventions-Apps (wie die KI-Anwendung Ally) übernehmen laut Kassenangaben bereits acht gesetzliche Krankenkassen – darunter AOK Bayern, AOK PLUS, KKH und hkk – die Kosten für zwölf Monate komplett.
Wichtig: Präventions-Angebote ersetzen keine Psychotherapie und sind nicht für akute Krisen gedacht. Wenn Belastungen, Niedergeschlagenheit oder Ängste über Wochen anhalten, sollte professionelle Hilfe gesucht werden – etwa über den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter der Telefonnummer 116 117 oder rund um die Uhr bei der kostenfreien Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111.
Fünf Impulse gegen Alltagsstress
Der Psychologe nennt fünf Tipps für einen besseren Umgang mit Stress und mentaler Belastung:
1. Belastung benennen: Statt bei einem diffusen „Alles ist zu viel“ zu bleiben, kurz innehalten und das konkrete Gefühl (z. B. Ärger, Sorge oder Überforderung) klar benennen – das schafft sofort inneren Abstand.
2. Feste Grübelzeit einrichten: Tägliche Sorgen nicht verdrängen, sondern auf ein festes 15-Minuten-Zeitfenster am Tag verschieben. So bleibt der Kopf tagsüber frei für das Machbare.
3. Selbstmitgefühl üben: In stressigen Momenten nicht hart mit sich ins Gericht gehen, sondern sich fragen: „Was würde ich jetzt einer guten Freundin oder einem Freund raten?“
4. Pausen wie Termine planen: Erholung nicht dem Zufall überlassen, sondern verbindlich in den Kalender eintragen – schon fünf Minuten Durchatmen oder ein Gang um den Block wirken oft besser als langes Starren auf Bildschirme.
5. Auf die Basics achten: Stress ist auch körperlich. Regelmäßig prüfen, ob Schlaf, Bewegung, Essen oder Pausen zu kurz kommen, und mit einer kleinen Handlung gegensteuern.
Künstliche Intelligenz kann beim Sortieren der Gedanken helfen – doch um das Gedankenkarussell wirklich zu stoppen, braucht es fundierte Methoden statt reiner Dauer-Beschäftigung auf dem Bildschirm. Echte Nähe und ein offenes Ohr der engsten Bezugspersonen kann das Smartphone am Ende nie ersetzen. (va)